Wenn Wasserwerfer (in einer Wasserkrise) die Antwort auf die Sorgen der Gen Z sind
Bericht eines KV-Mitglieds zur Versammlung „GenZ regelt“ am 31.10. in Köln
Meine Motivation, an der Demonstration der Gen Z am 31.10. teilzunehmen, war, dass ich nur einen Sinn darin sehe, junge Menschen auszubilden, wenn wir ihnen gleichzeitig eine lebenswerte Zukunft ermöglichen.
Seit meiner Jugend habe ich viele Demonstrationen zu unterschiedlichen Themen besucht und bisher einige Versammlungen selbst angemeldet.
Die Versammlungen, die ich bisher besucht und veranstaltet habe, waren ohne Ausschreitungen der Polizei oder Demonstrierenden. Das am Samstag von der Polizei gezeigte Verhalten widerspricht allen bisherigen Kontakten, die ich zuvor mit ihr hatte. Mein Vertrauen in die Polizei ist durch den vergangenen Samstag tief erschüttert.
Das Streben nach Gewaltlosigkeit gehört zu den Grundsätzen, die mein Leben leiten. Ich verurteile Einschüchterung und Gewalt gegen Menschen, Gegenstände, Polizist*innen und Teilnehmende. Böller und (privates) Feuerwerk sollte es, meiner Meinung nach, auch an Silvester nicht geben und es sollte nicht frei verkäuflich sein.
Am Samstag bin ich mit dem Zug von Siegen zu der Versammlung angereist. Durch eine Streckenstörung kam ich erst nach 14 Uhr am Veranstaltungsort, auf der Straße „Konrad-Adenauer-Ufer“, an. Dort stand ich ungefähr in der Mitte der Menschenmenge in der Nähe der Straße „Thürmchenswall“.
Es waren etwa 10.000 Menschen anwesend. Ich konnte weder das Ende noch den Anfang der Menschenmenge an der Uferstraße sehen. Wie auch in dem späteren Kessel waren etwa 1/3 Jugendliche, 1/3 Erwachsene zwischen 20 und 30 und die restlichen Menschen waren älter.
Die Reden wurden durch kein besonders starkes Soundsystem verstärkt und sie waren aus der Entfernung nicht gut zu verstehen.
Nachdem die Reden beendet waren, gab es aus dieser Richtung ein Zeichen, das darauf hindeutete, dass wir uns nun in Richtung Dom hin drehen sollten. Während die erste Bewegung vorwärts in die Menge kam, wurde ein Bengalo gezündet. Kurz darauf wurde ein Böller gezündet. Die Menschen erschraken teilweise. Die Menge stoppte. Ich fühlte mich unwohl.
Die Menge setzte sich nach einiger Zeit wieder einige Meter in Richtung Dom in Bewegung. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, wohin wir gehen. Es wurden weitere Bengalos, Böller und Feuerwerk gezündet. Auf mich wirkte die Situation nicht gewalttätig, aber ich wollte den Ort - wie vermutlich viele andere auch - dennoch verlassen.
Ich lief innerhalb der Menge ein Stück zurück und auf den Gehweg auf der Seite des Rheinufers, da es mir so schien, als wäre der Weg durch die Straße "Thürmchenswall“ versperrt. In Richtung Dom standen zwei Wasserwerfer auf der Fahrbahn, weshalb ich mich von ihnen und der Menschenmenge weg bewegen wollte. Auch auf dem Gehweg waren viele Menschen.
Da ich ein mulmiges Gefühl hatte, überlegte ich, über eine Mauer Richtung Rheinpromenade zu klettern. Weil ich in der Dämmerung aber nicht sehen konnte, wohin ich mich dort bewege und wie tief es dort hinunter geht, habe ich mich dagegen entschieden, über die Mauer zu klettern. Es wäre der für mich einzig ersichtliche Weg gewesen, um mich vom Veranstaltungsort zu entfernen.
Dann kam eine Polizeikette und hat uns ohne Ankündigung auf dem Gehweg als Menschenpulk zusammengedrückt. Alle Körper wurden eng aneinander gedrückt und wir wurden auf die Straße geschoben. Es gab keinen Weg aus der Menge raus. Ich musste an die Loveparade denken.
Die erste Durchsage der Polizei, die ich an diesem Tag hörte, gab es in dieser Situation und sie lautete, dass wir die Straße frei machen sollen. Das konnten wir nicht, da wir viel zu eng auf der Straße zusammengedrückt waren und wir uns nirgendwo hin bewegen konnten. Wir hätten uns auf der Straße in Luft auflösen, uns verpulverisieren müssen, um der Aufforderung der Polizei nachzukommen. Dabei hatte ich vor der Bedrängung durch die Polizei auf dem Bürgersteig gestanden und war erst durch sie auf die Straße gedrückt worden.
Nachdem wir langsam fast vollständig über die 4-spurige Straße gedrückt worden waren - es kam immer wieder die Aufforderung der Polizei, dass wir die Straße räumen sollen – belegte die eingekesselte Menschenmenge immer noch eine Spur, eine Bushaltestelleneinfahrt, den Gehweg und die Grünanlage vor einem Gebäude.
Es waren etwa 1.000 Menschen eng zusammengepfercht. (Als später meine Personalien aufgenommen wurden, wurde mir eine Zahl um 900 zugeordnet, weshalb die insgesamt Menge vermutlich so groß war.) Einzelne Menschen hatten Panikattacken. Eine Person musste vom Krankenwagen abgeholt werden. Ich hab versucht möglichst ruhig zu bleiben und an meinen Alltag zu denken, der mich sehr erfüllt.
So zusammengedrängt, fuhren die beiden Wasserwerfer um unseren Kessel herum und hielt dann kurz darauf, auf die Menschenmenge hinter uns Rhein abwärts gerichtet. Es war Gebrüll zu hören, das vermutlich zu der Live-Schalte des LänderSpiegels passt, bei der ein Reporter von zur Attacke rufenden und Schlagstöcke hebenden Polizeikette über den Haufen gerannt wurde. (Die Live-Schalte wurde daraufhin abgebrochen. Ab Minute 17:20,
https://www.zdfheute.de/video/laenderspiegel/laenderspiegel-vom-31-oktober-2026-100.html) Die Wasserwerfer wurden mehrfach eingesetzt. Auch für diese Menschen, die zuvor Teil der Versammlung gewesen waren und die vermutlich auch keine Information über die Beendigung der Versammlung erreicht hatte, hat es wenig Möglichkeiten gegeben, sich von dem Ort zu entfernen.
Wenn es zu irgendeinem Zeitpunkt für den Großteil der Menschenmenge hörbare Durchsagen gegeben hätte, dass die Versammlung aufgelöst ist und wir den Ort verlassen sollen, gehe ich davon aus, wären die meisten Menschen weggegangen.
Mir war bewusst, was alles zu den Handlungen der Polizei - im äußersten Fall - gehören kann. Mir sind meine Rechte und Möglichkeiten bekannt.
Die jungen Menschen wussten hingegen nicht, wie die polizeilichen Abläufe sein können.
Viele der jungen Menschen gingen nicht davon aus, dass sie nicht bald aus dem Kessel heraus kommen und sie nicht die Halloween-Party am Abend besuchen würden.
Ihnen war nicht klar, dass sie sich für eine Verzögerung der Veranstaltung oder der Heimreise hätten wärmer anziehen müssen.
Ein 16-Jähriger sprach mit mir. Er sagte über sich, dass er gerade sehr gestresst sei. Er machte sich Sorgen, dass seine Eltern wütend auf ihn seien. Ich habe ihn gefragt, ob seine Eltern wissen, dass er dort ist. Das bejahte er. Ich habe ihn gefragt, ob seine Eltern die Themen der Demonstration unterstützen. Das bejahte er. Ich sagte ihm, dass sie sich vermutlich nur Sorgen um ihn machen und ihm nicht den Kopf abreißen werden. (Ich hoffe, dass seine Eltern ihn einfach in den Arm genommen haben, als er wieder bei ihnen war und es ihm gut geht.)
Es wurden relativ bald Wasserflaschen von der Polizei ausgegeben. Danach wurden Dixi-Klos per LKW herangefahren, die von den Teilnehmenden mit Polizeieskorte genutzt werden konnten.
Es gab für die gesamte Dauer des Kessels, bis nach 1:30 Uhr, kein Essen und keine wärmenden Decken. Die Temperatur fiel auf um die 9 Grad.
Ich stand sehr lang herum, hab mich dann auf meinen Rucksack gesetzt, um mich nicht zu unterkühlen.
Die Menschen im Kessel waren ruhig und friedlich.
Am Abend habe ich mit einem Polizisten gesprochen, der am Rand des Kessels stand.
Er sagte, dass die Abwicklung der Aufnahme der Personalien schon vergleichsweise schnell verlaufe. Bei Fußballspielen habe dies schon bis 5 Uhr morgens gedauert. Er hat mir geraten, um schneller frei zu kommen, mich in die Schlange einzureihen und die Menschen vor mir zu bitten, mich vorzulassen. Ich habe ihm gesagt, dass es hier so viele Menschen gibt, die jünger sind als ich und diese erst gehen können sollten. Ich merkte, dass sich seine Stimmung durch meinen Kommentar verdunkelte.
Die polizeiliche Erfassung ging schleppend voran und schien erst am späteren Abend richtig in Bewegung zu kommen.
Gegen 1 Uhr habe ich mich in die auf Auslass wartende Menge begeben. Dort wurden Männer bevorzugt zur Erfassung heraus gerufen. Was die Gründe dafür sind, wurde uns, auf Nachfrage, nicht erklärt.
Da ich recht „durchschnittlich“ aussah, wurde ich, wie ich vermute, nicht – wie viele andere um mich - tiefergehend abgetastet. Es wurden Fotos gemacht.
Um 1:30 Uhr war ich aus dem Gewahrsam entlassen und wieder frei. Die Polizei sagte, dass ich direkt nach Hause gehen solle, da ich sonst bei ihnen übernachten würde. (Der letzte Zug war da schon abgefahren.)
Bekannte haben mich dann, mitten in der Nacht einen Umweg auf sich nehmend, nach Hause gefahren.
Auch in den Tagen nach der Demonstration beschäftigte sie mich weiter, wühlte mich auf und ich frage mich:
Warum war in der Mitte der Menschenmenge das Ende der Veranstaltung nicht durch die Veranstalter kommunizierbar?
Warum hat die Polizei nicht zusätzlich für uns hörbar auf das Ende der Veranstaltung hingewiesen?
Warum hat die Polizei darauf keinen für uns hörbaren Hinweis dazu gegeben, dass wir den Ort verlassen sollen?
Warum wurde uns kein Weg zum Verlassen der Umgebung von der Polizei genannt und gelassen?
Wohin hätten wir gehen sollen?
Warum mussten Wasserwerfer eingesetzt werden, um die Menschenmenge zu bewegen, die sich auch sonst ganz einfach schieben lies? (Tausende Liter Trinkwasser wurden während einer Wasserkrise auf die Straße gegossen.)
Warum konnte die Polizei die Menschen, die Böller und Pyrotechnik gezündet haben, nicht effektiver von der Menschenmenge trennen?
Warum war es notwendig, einen großen Teil der Versammelten in Gewahrsam zu nehmen?
Warum hat die Erfassung der Menschen im Kessel fast 10 Stunden gedauert und beschleunigte sich erst am späten Abend?
Warum wurde uns von der Polizei bis zum Ende des Kessels kein Essen gegeben?
Warum wurden von der Polizei keine Decken gegen die Kälte ausgeteilt?
Warum wurden Männer bevorzugt aus dem Kessel gelassen?
Warum wurde allen Menschen, mit denen ich nach der Maßnahme gesprochen habe, pauschal ein (Anfangsverdacht) schwerer Landfriedensbruch mitgegeben?
Wie stark waren die unterschiedlichen Altersgruppen unter den Menschen im Kessel vertreten?
Welche Straftaten konnten den Personen schlussendlich nachgewiesen werden?
Konnten die Personen ausfindig gemacht werden, die Böller und Pyrotechnik gezündet haben? Waren sie bestimmten Gruppen zuordenbar und welche Motive hatten sie?
Für welche Zwecke werden die Daten der übrigen Teilnehmenden verwendet?
Wie wird bei Situationen mit Pyrotechnik rund um Fußballspielen umgegangen? (Werden diese Spiele abgebrochen und verboten?)
Die Jugendlichen und jungen Menschen können sich nach den Vorfällen des vergangenen Samstags von vielen verlassen fühlen:
Von der Politik, von der Polizei, von den Personen, die Böller und Pyrotechnik gezündet haben, da dies der Polizei einen Grund geliefert hat, die Versammlung bzw. Anwesenden als „gefährlich“ einzustufen. Und von dem Großteil der Medien, die in die Demonstrierenden pauschal das Bild von Straftätern projizieren.
(Selbst die Zeitung Die Welt stellte am nächsten Tag fest, dass einige Ausschreitungen in der Innenstadt wohl Halloween zuzuschreiben zu seien und nicht den Versammlungsteilnehmenden. Ausschreitungen zu Halloween gab es schon in anderen Jahren.)
Das Handeln der Polizei musste ich in den vergangenen Tagen erstmal verdauen. Je länger ich darüber nachdenke und schreibe, um so ungerechter und verstörender finde ich die erlebte Situation.
Wie mag es da erst den jungen Menschen gehen, die noch nicht so fest im Leben stehen und von den Ereignissen vollkommen überrascht wurden?
Die Reaktion auf das Erlebte an diesem Tag könnte bei den jungen Menschen langfristig zu Angst vor dem Besuch weiterer Demonstrationen führen. Das könnte bewirken, dass sich diese jungen Menschen nicht mehr zu Demonstrationen trauen.
Auf der anderen Seite könnte Wut und Verzweiflung dazu führen, dass sie radikaler werden und z.B. eher Versammlungen stören, Gegenstände zerstören und Polizist*innen angreifen.
Von wem kann das gewollt sein?
In Hessen steht ein Verbot weiterer Demonstrationen der Gen Z im Raum.
Wo sollen dann die Sorgen der jungen Menschen hin, wenn man ihnen diesen demokratischen Weg nimmt?
Das Recht auf Versammlung ist ein hohes Gut in unserer Demokratie. Versammlungen dürfen nur als letztes Mittel aufgelöst werden. (https://verfassungsblog.de/versammlungsfreiheit-gen-z-proteste/)
Durch die aktuelle Demographie haben junge Menschen nur sehr begrenzt die Möglichkeit, politische Entscheidung zu beeinflussen. Die größte Wähler*innengruppe stellen die Menschen über 70 Jahre dar. Die jungen Menschen haben somit bei Wahlen sehr wenig Gewicht, um ihre Interessen ausreichend in den Parlamenten vertreten zu sehen.
Diese Generation müsste nicht auf die Straße gehen, wenn sie durch die aktuelle Politik wahrgenommen werden würde und sich in ihr wiederfinden könnte.
Deshalb ist mein Appell, dass in den Gemeinden, auf Kreis-, Landes- und Bundesebene mit den jungen Menschen gesprochen wird und es Veränderungen gibt.
Zeitungen, Radio- und Fernsehsender sollten mit den jungen Teilnehmenden reden, bevor sie, ohne diese Perspektive zu kennen, Beiträge und Artikel veröffentlichen. Nur dann kann das Bild ausgewogen sein. Und auch die Polizei sollte sich mit den jungen Menschen zusammensetzen und Konzepte für Veranstaltungen mit ihnen entwickeln.
Ihre Sorgen, Wünsche und Ideen müssen ernstgenommen werden!
Was soll sonst unsere Zukunft sein?
PS: Ich bin froh, dass ich diese Situation miterlebt habe, um davon berichten zu können und so die jungen Menschen nicht vollkommen allein zu lassen.

